Erfahrungsbericht Veronica Füglister

Erfahrungsbericht von Dr. med. Veronica Füglister

04. Oktober 2025, im Landeanflug nach Windhoek: Der Sternenhimmel macht einem kitschigen Sonnenaufgang Platz und ich nehme mir vor, jede Minute meines zweiten Mudiro- Einsatzes zu geniessen. Was 2023 mit einem Flug in ein ungewisses Abenteuer begonnen hat, findet nun in einer Reise voller Vorfreude auf weitere 7 Wochen Mudiro seine Fortsetzung.

Die Ankunft in Andara ist wie ein Nachhausekommen in eine Welt, in der ich letztes Mal mein Herz verloren habe. Das Leben hier ist eigentlich alles andere als luxuriös. Die Armut im Dorf ist an jeder Ecke sichtbar, das Spital ist voll von schwerkranken Patientinnen und Patienten und jeden Tag ist man mit neuen Herausforderungen konfrontiert – seien es Schlangen im Garten oder der regelmässige Stromausfall.

Wie kann ich erklären, was diesen Ort so magisch macht? Es sind die Kavango-Kinder mit ihrer ansteckenden Fröhlichkeit, die singenden Menschen im Dorf, die entspannte Einstellung für jedes Problem eine Lösung zu finden, das einfache aber umso buntere Leben inmitten der unglaublich schönen Natur Namibias. Aber in aller erster Linie ist es Mudiros Zauber von Zusammenhalt, Mut, Wärme und der Vision, die Welt ein kleines bisschen heller zu machen. Dieser Zauber wird mich auch durch die kommenden, intensiven Wochen tragen.

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Der Alltag im Spital, wo ich mit dem Team die Visite auf der Kinderstation durchführe und in der ambulanten Sprechstunde sowie der Notfallstation mithelfe, ist geprägt von Licht und Schatten, Begeisterung und Betroffenheit, berührenden und erschütternden Momenten, Erfolgsgeschichten und Frustration.  Aber immer begleitet mich Mudiros Feuer und das Gefühl, genau hier am richtigen Ort zu sein.

Jeden Morgen empfangen mich im Spital lachende, winkende Menschen und ich bin berührt, dass mich das Team auch dieses Jahr wieder mit dieser Selbstverständlichkeit und Herzlichkeit aufnimmt. Gleichzeitig hadere ich oft mit dem groben Umgang mit den kleinen Patientchen, besonders wenn schmerzhafte Wundversorgungen oder Blutentnahmen anstehen. Ich erlebe täglich spannende, konstruktive Fallbesprechungen auf der Visite, wenn ich zusammen mit der einheimischen Kollegin versuche, komplexe Krankheitsgeschichten aufzuarbeiten. Manchmal muss ich aber auch betroffen feststellen, dass Kinder einfach entlassen werden, bevor man überhaupt eine Diagnose gestellt hat. Aus den Augen, aus dem Sinn…  

Welch eine Freude, mit einer Gruppe interessierter Pfleger:innen und Ärzt:innen EKG-Interpretationen zu üben und im Anschluss von ihnen eine Thimbukushu-Lektion zu erhalten! Durchaus realistisch aber auch, dass der sorgfältig geschriebene EKG-Befund im Gesundheitsheft bei der nächsten Gelegenheit ins Feuer fällt oder nach einem Bad im Fluss zwischen den Zähnen eines Krokodils landet ….

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Zwei Spitalgeschichten bleiben mir besonders in Erinnerung:  An meinem ersten Tag lerne ich ein 3-jähriges Mädchen mit hochkomplexem Herzfehler kennen. Sie ist aufgrund von Atemnot und schlechtem Allgemeinzustand hospitalisiert. Die Diagnoseliste mit diversen Teilkomponenten der Fehlbildung ist als «Herzfehler» zusammengefasst und so wird mir bewusst, dass wohl niemand auf der Station eine genaue Vorstellung hat, wie dieser «Herzfehler» konkret aussieht und welche grossen Konsequenzen er für den Kreislauf hat. Direkt von der kinderkardiologischen Intensivstation kommend schlage ich unsanft in einer Welt auf, wo es keinen Herzultraschall gibt, das Röntgen kaputt ist, dem EKG-Gerät das Papier fehlt und nur beschränkte Labormöglichkeiten bestehen. Eine operative Versorgung? Undenkbar! Eine Mischung von Hilfslosigkeit und grosser Sorge verfolgt mich über Tage, während wir versuchen, das Kind mit den wenigen Medikamenten vor Ort und minimaler Diagnostik zu stabilisieren… doch es funktioniert! Das Glücksgefühl, dieses Kind nach einer solchen Zitterpartie fröhlich winkend nachhause gehen zu sehen, ist unbeschreiblich. Und ebenso sehr freue ich mich, dass dieser Fall das Interesse des Ärzteteams spürbar geweckt hat und wir alle viel miteinander und voneinander gelernt haben. Einmal mehr der Beweis: Kavango-Kids sind stark, die Andara- Ärzte und -Ärztinnen sind Meister der Improvisation und irgendwie gibt es immer eine Lösung.

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Das ist auch der Fall, als wir einen Säugling mit schwerster Atemnot notfallmässig ins 200km entfernte Rundu-Hospital verlegen müssen. Die Ambulanz ist überraschend schnell da, aber dann fällt auf: Bei der Sauerstoffflasche der Ambulanz fehlt ein Teil – sie ist nicht funktionsfähig. Während das Kind zunehmend um Luft ringt, sucht nun ein ganzes Spital nach einem Ersatzteil. Im Nu weiss jeder von der Suche und hilft – mit namibischer Gelassenheit, versteht sich. Ist das Teil gefunden, hält die Freude nur kurz an… das Ersatzteil ist nämlich defekt. Erneut beginnt die Suche. Schliesslich findet Sister Moyo eine rettende Sauerstoffflasche aus dem OP-Saal, die allerdings noch maximal halbvoll ist. Es bleibt nichts anderes übrig, als die Sauerstoffzufuhr anhand meiner ungefähren Berechnungen zu rationieren und das Beste zu hoffen. Auch dieses Kind wird es schaffen und den Transport im «Kavango-Stil» gut überstehen.  

Neben aller Freude ist das Leben hier manchmal auch brutal. So betritt eines Morgens eine Mutter mit ihrem 3-Wochen alten Säugling den Notfall. Sie ist mit ihrem hochfebrilen, schreienden Kind viele Stunden zu Fuss zum Spital gewandert und berichtet, seit sie im Nachbardorf Divundu vorbeigekommen sei, hätte es nicht mehr geschrien.

– Nun liegt das kleine Mädchen tot im Arm der Mutter.

An solchen Tagen tut es besonders gut, ins kleine Paradies namens Mudirocamp zurückzukehren, wo mich ein leckeres Abendessen, offene Ohren, eine warme Umarmung, Hund Bennys überschwängliche Wiedersehensfreude und das herrliche Geschnatter der Gänse – meiner Lieblings-Querulantentruppe – erwartet.

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Meine grösste Leidenschaft gilt aber den Trips in den Busch mit der MobileClinic, wo stets kreative Lösungen gefragt sind und jeder Tag neue Abenteuer verspricht. Dieses Mal darf ich die Erlebnisse mit Kinderärztin & Epilepsiespezialistin Katharina, Physiotherapeutin Michaela, Volunteer Jenny und dem Dreamteam Barbara & Benny teilen.  An jedem der noch so abgelegenen Orte erwarten uns Scharen von Müttern mit ihren Kindern …und ebenso viele Erwachsene, die sich von uns, den Kinderärztinnen, ein Heilmittel gegen Tschitschu- Tschitschu (Ganzkörperschmerz) erhoffen. Ein Glück, dass wir diese «grossen Kinder» zu unserer erfahrenen Physiotherapeutin Michaela schicken können. Mit dem Alter nehmen es die Menschen hier sowieso nicht so genau… So steht im Gesundheitsheft einer älteren Dame anstatt des Geburtsdatums beim entsprechenden Feld nur «Grandmother».

Während Katharina sich den Epilepsiefällen widmet, behandle ich mit der grossartigen Unterstützung unserer zwei Mudironurses Raymond und Melani alles, was die Pädiatrie sonst hergibt: von Atemwegs- und Durchfallerkrankungen über rätselhafte Ausschläge zu Wunden, Mangelernährung, Parasiten und Augenprobleme; aufgrund des Ansturms und betreuungsintensiver Notfälle teils bis weit in die Nacht. Solche Tage sind aber nur realisierbar dank Teamwork und Menschen, die ausserhalb der Clinic alles geben. So werden wir von Jenny mit den besten Zwischensnacks versorgt und können immer und 100% auf die Unterstützung, liebevolle Fürsorge und umsichtige Organisation von Barbara zählen.  

Die wohl schönste «Buschgeschichte» gehört aber Elias, einem Jungen mit neurologischer Grunderkrankung. Er erhält von Michaela seine erste Physiotherapiestunde, wobei Elias richtiggehend aufblüht. Zu dritt machen wir uns anschliessend an die Arbeit, passende Lagerungsschienen zu gipsen. Mit bescheidenem Material, aber vereinter Kreativität und viel Herzblut erreichen wir unser Ziel: Gut sitzende Schienen und eine strahlende Familie. Gipsspuren in unseren Gesichtern und Haaren zeugen davon, dass auch wir unseren Spass hatten.

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Mein zweites Mudiro-Abenteuer endet mit einem gemütlichen Abend im Camp, wo uns Sister Burton (unsere langjährige Begleiterin im Spital), die Ärztin der Kinderstation und ihre Freundinnen zum Abendessen besuchen. Es hätte keinen schöneren und passenderen Abschluss für mich gegeben, als diesen Abend gelebter Gemeinschaft.

An dieser Stelle auch ein Herzensdanke, liebe Katharina, Michaela, Jenny und Barbara, für den Zusammenhalt in schönen und herausfordernden Situationen, das gemeinsame Suchen nach Lösungen für unsere Patientinnen und Patienten und die unzähligen, unvergesslichen Erlebnisse an Wochenenden und Feierabenden. Ein wahres Frauen-Power-Team, zu dem natürlich auch die drei guten Seelen des Camps mit Innocentia, Maria und Franziska gehören.

Mudiros Feuer brennt… Nach dem ersten Einsatz wusste ich: «Ich werde wieder kommen». Und heute bin ich sicher «Ich bleibe!» Leider nicht permanent vor Ort, aber immer fest verbunden und bestimmt noch viele weitere Male im Einsatz.

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— Dr. med. Veronica Füglister, Pädiatrie