Erfahrungsbericht Veronica Füglister

Erfahrungsbericht von Dr. med. Veronica Füglister

Ich sitze im Flugzeug auf dem Nachhauseweg, als ich diese Zeilen schreibe. Vier intensive Wochen liegen hinter mir, in denen ich als erste Kinderärztin an Mudiros neuem Standort in Zambia arbeiten durfte. Noch sind die Erinnerungen frisch und die Emotionen ungefiltert. Genau deshalb erscheint es mir als der richtige Zeitpunkt, diese mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu teilen. Zambia hat mich berührt und geprägt…  

Ich habe enorm viel menschliche Wärme erfahren dürfen, motivierte Ärztinnen und Ärzte getroffen, viel Leid und Armut gesehen und erlebt, wie wertvoll Mudiros Arbeit für die Kinder und die pädiatrische Versorgung auch in Zambia ist.  So fliege ich nicht nur mit Wehmut nach dem Abschied, sondern auch mit tiefer Dankbarkeit und unbändiger Motivation nachhause.

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Lusaka. Chaotisch und laut im Zentrum, am Stadtrand wähnt man sich irgendwo in den Weiten Afrikas, wo sich Löwe und Impala gute Nacht sagen. Lauschige Cafés wechseln sich mit dreckigen Streetfood- Ständen ab, unterwegs passiert man grosszügige Landhäuser sowie provisorische Gehäuse der Townships. Inmitten dieser Townships steht das Chipata Level 1 Hospital, mein Arbeitsort der kommenden Wochen. Ich lerne hier ein Team kennen, das den teils widrigen äusseren Umständen trotzt und den Menschen in dieser von grosser Armut betroffenen Region wichtige medizinische Versorgung bietet. Als erste Pädiaterin vor Ort zu sein, hat den Reiz des Abenteuers. 

Die warmherzige Art der Zambierinnen und Zambier macht mir den Start aber leicht und das Interesse an Weiterbildung und Fortschritt seitens Spitalleitung ist spürbar. Die Strukturen sind im Grundsatz nicht so anders als in der Schweiz. Departemente wie Pädiatrie, Gynäkologie und Chirurgie werden von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten (Senior doctors) geleitet, unter deren Aufsicht junge «Junior doctors» arbeiten. Allerdings verfügen nur einige dieser «Senior doctors» über eine abgeschlossene Facharztausbildung, andere geben mit einem Erfahrungsschatz von 1-2 Jahren «Spezialisierung» ihr Bestes. Ich bin Teil des Pädiatrie-Teams, welches eine Kinderstation und zwei Bereiche von ambulanten Sprechstunden betreut, und werde als Supervisorin der Junior doctors eingesetzt. 

Eine dankbare Aufgabe, zumal das Team sowohl auf Bedside-Teaching als auch Fallbesprechungen ausserhalb der Visite mit regem Interesse reagiert. Dennoch stimmen mich die Tage im Chipata – Hospital auch nachdenklich. Einerseits fehlen bereits simple Ressourcen wie ein Ohrspiegel oder für Kleinkinder passende Blutdruckmanschetten, was eine gute medizinische Betreuung erschwert. Andererseits scheitern wichtige Massnahmen wie ein EKG oder Laboruntersuchungen oft an den Finanzen, zumal sich viele Familien eine Untersuchung für 60 Kwacha (2.50 CHF) nicht leisten können. 

Dies ist auch für das Team vor Ort frustrierend und führt zu einer gewissen Resignation und einer sehr undifferenzierten Medizin. Umso mehr wird mir bewusst, dass wir – Mudiro – zwar nicht alle Umstände ändern können, aber durch das Training der rein klinischen Untersuchung und Beurteilung einen wichtigen Beitrag leisten werden. Das Wissen über die in Zambia häufigsten Krankheitsbilder wie Tuberkulose oder Malaria ist hervorragend, während die Beurteilung und Behandlung von komplexeren Krankheitsbildern wie angeborenen Herzfehlern oder neurologischen Erkrankungen das Team überfordern. Hier möchten wir mit strukturierten Teachings und Trainingseinheiten ansetzen und die Behandlungsqualität für die Kinder nachhaltig erhöhen.

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Siavonga könnte nicht unterschiedlicher sein als die Grossstadt Lusaka. Die Ortschaft liegt 4 Autostunden entfernt am schönen Lake Kariba, wo man sich bei Ankunft gleich in den Ferien wähnt. Im Siavonga District Hospital schlägt die Realität jedoch hart zu: Ein kleines Team aus 5 Ärzten stellt Tag und Nacht die Versorgung der Bevölkerung weitab von grösseren Spitälern sicher – dies ohne Röntgengerät, ohne EKG, mit minimalen Labormöglichkeiten und einem Ultraschall, den kaum jemand bedienen kann. Umso mehr beeindrucken mich zwei bestens ausgebildete Kinder-Pflegefachfrauen, welche dank ihrem grossen Wissen aus ihrem ehemaligen Ausbildungsspital Frühgeborenen einen oft erstaunlich komplikationslosen Start ins Leben ermöglichen – mit selbstgebastelten Atemhilfen und improvisierten Ernährungssonden. Im Spital von Siavonga kämpfe ich mit absolut nicht vorhandenen Strukturen. Es gibt keinen Morgenrapport, keine klaren Ansprechpersonen, die Zeit der Visiten definiert sich dadurch, wann der zuständige Arzt am Morgen im Spital ankommt. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als morgens jeweils ins Spital zu gehen, zu schauen wer wohl da ist, mutig an diverse Büros zu klopfen, mit den Leuten zu sprechen und die Dinge auf mich zukommen zu lassen. Dadurch lerne ich aber rasch die ganze Spitalbelegschaft kennen und fühle mich – der Herzlichkeit dieser Menschen sei Dank – bald als Teil der Familie. 

Leise Zweifel beschleichen mich, als ich sehe, dass es neben den ambulanten Sprechstunden nur eine sehr kleine Kinderstation mit 8 Betten und ein paar Plätze auf der improvisierten Neonatologie gibt. Wo findet die Kinderärztin Arbeit? Einmal mehr berührt mich das Spitalpersonal. Kaum als «Kinderärztin aus der Schweiz» vorgestellt, finde ich mich in angeregten Diskussionen mit dem Team wieder, welche Art von Fortbildung ihnen am meisten helfen würde. Die Ärztinnen und Ärzte vor Ort haben keine Chance für eine Facharztausbildung und müssen mit dem Wissen nach der Universität die Versorgung für die ganze Bevölkerung in einem abgelegenen Gebiet sicherstellen. Entsprechend gross ist das Interesse, durch Mudiro ihr Können zu erweitern. Die Eigeninitiative des Teams ist auffallend: Sie fragen nach Präsentationen zu Krankheitsbildern, nach Hands- on Training für Notfallsituationen, Ultraschalltraining … Und es bleibt nicht nur bei der Idee: Die Präsentationen werden von vielen Spitalangehörigen besucht, es finden konstruktive Diskussionen statt und es werden kluge Fragen gestellt. Mein persönliches Highlight erlebe ich am letzten Arbeitstag: Für ein Hands- on Kindernotfalltraining wurden durch eine Hebamme extra Puppen und Beatmungsbeutel organisiert, mit welchen das bunt durch alle Berufsgruppen durchmischte Team Szenario um Szenario bearbeitet – weit über die geplante Zeit hinaus. Nach diesem Tag weiss ich: Mudiro ist auch hier am richtigen Ort.

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Was bleibt? Ich war mit 1001 Problemen konfrontiert – lösbaren und (vorerst) unlösbaren. Ich habe vor verschlossenen Türen gewartet, bis jemand den richtigen Schlüssel gefunden hat. Sass auf dem staubigen Boden und habe Kabel repariert. Musste immer wieder suchen, bis ich zuständige Personen gefunden habe. War verzweifelt angesichts der fehlenden Ressourcen, der undifferenzierten Behandlungen und manchmal auch dem zambischen Arbeitstempo. ABER: Ich bin überall auf offene, herzliche Menschen gestossen, welche an Fortschritt und Zukunft glauben und Mudiros Angebot mit grosser Motivation annehmen.

Mudiro braucht Kinderärztinnen und Kinderärzte. Menschen, die bereit sind, sich ins Chaos zu stürzen, bereits sind, jeden Tag zu nehmen, wie er ist, und bereit sind, ihr Wissen den zambischen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung zu stellen. Die Ärztinnen und Ärzte vor Ort und vorallem auch Zambias Kinder hätten es verdient. Der Lohn sind berührende menschliche Erfahrungen und wunderbare Erlebnisse in- und ausserhalb des Spitals, welche für immer Spuren hinterlassen.

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— Dr. med. Veronica Füglister, Pädiatrie