Erfahrungsbericht Valeria Milani

Erfahrunsbericht von Dr. Valeria Milani

MUDIRO Bericht August/September 2025

“Ob ich als Onkologin und Hämatologin hier reinpasse?“

Tagebuch der ersten Woche:

Das erste Wochenende war noch touristisch in Windhoek und Umgebung, Lodge und Tiere, asphaltierte Straßen, die namibischen „Farmer“, die goldenen Farben bei Sonnenuntergang. Am nächsten Tag überquerten wir die Grenze am „Mururani Gate“ – jene veterinäre Grenze, die den Norden Namibias abtrennt. Dort hatten die Kolonialherren den größten Teil der indigenen Bevölkerung „abgesondert“ und sie in erbärmlichen Zuständen zurückgelassen. Sobald man diese Grenze passiert hat, beginnt der Verfall, das Elend, der Dreck, die Armut, die Gewalt, die Krankheiten. Das war ziemlich schockierend, so unvermittelt… und am nächsten Tag, also am Montag um 8 Uhr, waren wir bereits im Krankenhaus von Andara, das abgelegenste Krankenhaus. Hier in Andara hatte die katholische Mission eine Kirche gebaut, dann eine Schule und später ein Krankenhaus, und so ist es heute noch ein katholisches Krankenhaus. Die Oberkrankenschwester ist eine Nonne aus Indien. Und so versammelt sich jeweils zum Wochenauftakt am Montagmorgen um 8 Uhr das gesamte Krankenhauspersonal und singt gemeinsam ein Gebet in einem Chor, der einem Gänsehaut bereitet.

Mein Start war anspruchsvoll; ich besuchte am Vormittag die Frauenstation und es wurde am Nachmittag noch schwieriger, als ich einem Kollegen assistieren musste, der bei einem 3-jährigen Mädchen, das missbraucht worden war, DNA-Proben nehmen musste. Die Erschütterung war tief.

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Die Krankheiten reichen von HIV, Tuberkulose, Malaria, Verletzungen (oft durch Überfälle und Missbrauch), bis hin zu Herzinsuffizienz und hypertensiven Krisen, Epilepsie, Psychosen und das gesamte Spektrum der Gynäkologie/Geburtshilfe. Jeder Zweite in der Notaufnahme sagt, er habe gekrampft (und die Hälfte simuliert, um eine Behinderungsbescheinigung zu bekommen) oder hat tatsächlich eine Epilepsie. Jeder Dritte hat einen schweren Infekt (Lungenentzündung, Durchfall, Sepsis) oder ein Problem nach einem Überfall (also Polizei und endlose Formulare). Einer von zehn hat eine „Psychose“: „talk irrelevant things“ oder „hear voices“ – und wenn sie aggressiv wirken, kommen sie eine Nacht mit Zwangsjacke in die Zelle. Der Rest hat „Tschicu tschicu“, Ganzkörperschmerz, Brustschmerz, Magenschmerz. Sie sind es nicht gewohnt, das Symptom zu beschreiben und die Ärzte sind wenig interessiert, danach zu fragen.

Die Kommunikation wird durch die Sprache erschwert; es gibt einen namibischen Dialekt und viele können kein Englisch (was eigentlich die Amtssprache ist). Die schlechte Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist das Hauptproblem, was nicht nur sprachlich ist, sondern auch und vor allem kulturell. In all dem ist es das Arzt-Patienten-Verhältnis, das mich am meisten verstört; eine absolute Unterwürfigkeit, die mich sehr unwohl fühlen lässt. In dem Blick des Patienten und/oder Opfer von Missbrauch – streng nach unten gerichtet – ist Resignation und Misstrauen. Ich habe niemanden weinen sehen und doch gibt es tragische Fälle. Ich weiß nicht, ob sie jemand trösten würde, und vielleicht ist das der Grund, warum sie nicht weinen.

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Tagebuch aus der zweiten Woche in Spital und Busch

In der folgenden Woche gewöhne ich mich an die Fälle und die Vorgehensweise. Ich war auch im Kreißsaal und „maternity ward“, die Abteilung, die am besten funktioniert. Die Hebammen sind sehr gut und die Dokumentation ist genau und standardisiert. Allerdings haben die Hygiene oder auch die Rücksicht auf die Gebärende einen ganz anderen Standard als bei uns: Sie kommen zur Entbindung und nach 24 Stunden werden sie entlassen, es sei denn, es gibt Komplikationen (wie Sepsis nach Kaiserschnitt, Syphilis von Mutter und Neugeborenem, peripartale epileptische Anfälle). Das Alter der Gebärenden variiert zwischen 16 und 35 Jahren, mit einem Durchschnitt von etwa 5-6 Schwangerschaften. Die Frage „Wie viele Kinder sind am Leben?“ ist nicht selten. In all dem habe ich jedoch zum ersten Mal lächelnde Gesichter gesehen, die Freude darüber, Mutter geworden zu sein, die Zärtlichkeit in den Augen. Das ist universell. Afrikanische Mütter schreien bei der Geburt nicht. Neugeborene weinen bei der Geburt und dann hört man sie nicht mehr. Neugeborene Kinder sind immer bei und mit der Mutter und sind immer von vielen Frauen umgeben, immer. Deshalb, glaube ich, weinen die Kinder fast nie. Später, wenn sie älter sind, weinen sie nicht, weil sie niemand tröstet (die Kindheit ist hier hart).

Eine neue Erfahrung war im Busch in einem Schulgelände. Ich habe mir eine „Praxis“ organisiert mit einem Dutzend Grundmedikamenten, Stethoskop, einem Ultraschallgerät und einer Krankenschwester, die übersetzt. So habe ich mich in eine Kinderärztin, Hausärztin und Schulpsychologin verwandelt. Mein jüngster Patient war 2 Jahre alt. Ich musste die Maske anmalen, Luftballons aufblasen und ihn zeichnen lassen, um das Stethoskop benutzen zu dürfen. Hier haben alle entweder eine Erkältung, Durchfall oder Schmerzen. Egal, ob sie 2 oder 60 Jahre alt sind, alle sagen das Gleiche und viele kommen als Simulanten, um Tabletten einzusammeln.

Kurzum, auch diese Woche war voller schöner und schlimmer Überraschungen, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Schönheit und Hässlichkeit, Zufriedenheit und Frustration. So viele Kontraste und Widersprüche in diesem verborgenen Teil des Caprivi.

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Tagebuch aus der dritten Woche

In der dritten Woche habe ich plötzlich angefangen, mich zurechtzufinden, das System zu verstehen und die Ärzte haben mich akzeptiert. Dr Robert und ich (Dr Valeria) konnten wirklich guten Unterricht mit Ultraschall und am Mikroskop machen. Dr Robert hat die gynäkologische Sonographie unterrichtet und ich durfte bei geburtshilflichen Interventionen bei ihm assistieren. Auch mit den Patientinnen und Patienten gelingt es uns, eine menschlichere, nähere Kommunikation zu haben. Man spürt, dass ich weicher geworden bin und sie auch, und plötzlich fange ich an, Patientinnen und Patienten zweimal im Verlauf zu sehen. So etabliert sich allmählich eine Art „hämatologie Sprechstunde“ zwischen OPD (Outreach Ambulanz), Stationen und dem Labor. Und Krebserkrankungen habe ich auch mehrere entdeckt, leider alle sehr fortgeschritten.

Ich habe bei einem Kind eine Leukämie entdeckt und es war sehr schwer, das dem Vater zu sagen. Hier können sie keine Knochenmarktransplantation durchführen, sie ist zu teuer und sie müssten für die Behandlung nach Südafrika gehen. So wird dieses 13-jährige Kind bald an einer potenziell heilbaren Krankheit sterben. Sehr schwer zu verdauen als Ärztin, denn ich weiß, dass es heilbar wäre und bei uns auch möglich.

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Und die letzte Woche

Fast ein Monat – es ist wirklich unglaublich, was man in dieser Zeit erleben und beobachten kann. Man braucht mindestens zwei Wochen, um sich an sich selbst in dieser Umgebung zu gewöhnen. Alles ist so fremd, dass jeder Eindruck, jede Vision, jede Geschichte ein eigenes Kapitel für sich ist. In der dritten Woche beginnt man wirklich, in die neue Dimension und das Leben, den Rhythmus und die Mentalität einzutauchen und man schafft es, sich so zu öffnen, dass man Verständnis und Mitgefühl für das Fremde entwickeln kann. Das wird sofort wahrgenommen und führt zu einer positiven Rückmeldung. So wurde ich in der vierten Woche von Ärzten und sonstigen Krankenhauspersonal akzeptiert und als „eine von uns, Doktor „Bianca“ begrüßt – und wir haben zusammen gelacht.

Wenn man es schafft, mit Menschen und Kollegen, die einer so grundverschiedenen Welt angehören, zu lachen und zu scherzen, dann bedeutet das, dass man eine menschliche Beziehung aufbauen konnte, die für beide Seiten vertraut und natürlich ist – und dieses Gefühl ist unbezahlbar.

Ein großes Lob und Dankeschön an Barbara für ihr Werk, ihr Esprit und Elan! Und vor allem Danke für die liebevolle Betreuung!

Auch Danke an meine Reisegruppe, René, Niklas und Robert; trotz oder wegen unterschiedlicher Berufe und Alter, haben uns in den schwierigsten Momenten gegenseitig gut unterstützten können. Auch die gemeinsamen Safari-Erlebnisse waren wunderschön.

— Dr. Valeria Milani, Hämatologin/Onkologin