Erfahrungsbericht Robert Bartholomé

Erfahrunsbericht von Dr. Robert Bartholomé

Hinter der Veterinärschranke in Mururani beginnt das echte Afrika. Rene, der Erfahrene von uns, hat uns schon vorgewarnt. Trotzdem sind Niklas und ich sprachlos. Zu viele neue Eindrücke: überall Lehmhäuser; nach Menschenleere im Süden, plötzlich unzählige Menschen unterwegs direkt neben der Strasse; plötzlich muss man aus voller Fahrt anhalten, weil Ziegen über die Strasse getrieben werden. Die Armut ist erschreckend für uns, die sie noch nicht gesehen haben. Eine erste oberflächliche Begegnung aus dem Autofenster.

 Vier Wochen werden wir in Andara sein, einer kleinen Stadt am Okavango Fluss. Hier hat Barbara Müller mit Mudiro ein Projekt erschaffen, um ihre Energie darauf zu bündeln, den Menschen hier zu helfen.

Die medizinische Versorgung ist hier stufenweise aufgebaut. Mit einem medizinischen Problem geht es zunächst in eine Clinic, hier können Nurses Medikamente ausgeben. Falls es einen Arzt braucht, wird in das nächste Hospital verwiesen (in einem solchen waren wir). Falls die Möglichkeiten des Hospitals nicht ausreichen, kann in das nächstgrößere Hospital weitergewiesen werden.

Die Menschen kommen kilometerweit zum Spital gelaufen, nur um in einem übervollen Wartezimmer mit Dutzenden weiteren stundenlang auszuharren. Die Patientinnen und Patienten wirken passiv, schauen den Ärzten nicht in die Augen und antworten einsilbig.

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Sechs Ärzte arbeiten im Andara-Hospital, nicht immer sind alle im Dienst. Alle sind Generalists, Fachärzte gibt es nicht. Es gibt neben der Notfallsprechstunde noch vier Stationen und den Gebärsaal. Die Ärzte stemmen den enormen workload stoisch, aber man merkt die Abstriche, die gemacht werden müssen. Pro Patient/-in werden ein paar Sekunden Überlegung aufgewendet, da bleibt nur Zeit für automatisierte Medizin. Falls Patient Problem A hat, wird B gemacht. Chest pain = Röntgen Thorax, Fever = Malariatest. Falls jemand mal aus dem Raster fällt, herrscht schnell Ratlosigkeit. Wem soll man das auch verdenken.

Wir haben in unseren vier Wochen mit den Ärzten in Andara daran gearbeitet, diese Muster teilweise zu durchbrechen, bei unklaren Diagnosen nicht aufzugeben, sondern die zu Verfügung stehenden diagnostischen Tools besser anzuwenden. Unser grosser Wissensbonus war vor allem die Sonographie. Hier standen schon gute Geräte als Spende von Mudiro zur Verfügung, aber die Ärzte aus Andara hatten noch Respekt vor ihnen und wandten das neue Tool noch nicht an. Nach Dr. Valerias Teaching im Abdomensono wurde aus dem Ablauf Anurie = Furosemid (kein Urin = Harntreibendes Mittel) z.B. differenzierter gedacht: Die Niereninsuffizienz kann unterschiedliche Ursachen haben. Bringt es, etwas mehr Urin zu produzieren, wenn ein Abflusshindernis vorliegt? Zum Ende erzählten die Ärzte teils stolz von ihren Sono-Funden.

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Ein weiterer Teil des Mudiro Projekts liegt in der Versorgung von weit entlegenen Dörfern mit der Mobile Clinic, einem umgebauten LKW. Hier liegen teilweise mehr als 50 km zwischen Dorf und Hospital. Klar, gehen die Menschen nicht wegen einfachen Erkrankungen einen ganzen Marathon hin und zurück und lassen in der Zeit ihre alltäglichen Aufgaben schleifen. Wir waren mit zwei Nurses aus dem Andara-Spital unterwegs. Diese konnten in einer Art Triage an einem Campingtisch vor der Mobile Clinic schon Medikamente verteilen und schwere Fälle zu uns oder ins Hospital schicken.

In der Mobile Clinic war meine Aufgabe das HPV-Screening. Es gibt nicht viele Krebserkrankungen, die vor allem junge Menschen treffen, da sich normalerweise Mutationen mit der Zeit anhäufen müssen, und das braucht Zeit. Bei Gebärmutterhalskrebs ist es aber so, dass ein Virus, das HP-Virus, die Zellen so verändert, dass sich der Krebs deutlich schneller bildet. Daher gibt es in den meisten westlichen Ländern strukturierte Screening-Programme schon ab jungen Jahren. Wer geht aber (subjektiv gesund) freiwillig einen Tagesmarsch in die Klinik, um sich testen zu lassen? Nun aber steht eine Testmöglichkeit dank Mudiro mitten im Dorf. Wer sich testen lässt, kriegt auch noch einen BH geschenkt. Dementsprechend war der Ansturm der jungen Frauen für das Screening gross (hoffentlich auch wegen der Gesundheitsvorsorge, nicht nur weil es was umsonst gab…).

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Was erreicht man in vier Wochen? Wir haben den Andara-Docs einen Input gegeben, wie sie ihren Arbeitsalltag genauer und langfristig auch effektiver gestalten können. Nun müssen sie den Input umsetzen. Aber auch jedem einzelnen Patienten, den wir gesehen haben und den wir mit unserer Expertise diagnostiziert und therapiert haben, ist geholfen. Jeder von uns hat da Einzelne im Kopf. Und ganz eigennützig bleibt die Erfahrung, der Reset im eigenen Leben, der besonders deutlich wird, wenn man zuhause wieder die Luxusmedizin in seinem sicheren und bequemen Leben machen kann, die man vorher als selbstverständlich betrachtet hat.

Danke Barbara, danke Mudiro, man sieht sich.

— Dr. Robert Bartholomé, Gynäkologe