Erfahrungsbericht Katharina Moser

Erfahrunsbericht von Dr. Katharina Moser

Als mir Veronica zum ersten Mal von Mudiro erzählt hat, war für mich sofort klar: Dort möchte ich auch hin, um zu verstehen, was dieses Projekt so besonders macht. Schon in den ersten Gesprächen habe ich gemerkt, mit wie viel Herzblut, Einsatz und Überzeugung Barbara und ihr Team arbeiten. Bereits da habe ich gespürt, dass Mudiro weit über medizinische Hilfe hinausgeht.

Ich war gespannt, wie die Situation vor Ort tatsächlich sein würde – und ich wusste, dass ich dort mindestens genauso viel lernen würde, wie ich helfen kann. Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Versorgungssituation von Menschen mit Epilepsie in ressourcenarmen Regionen – aber wie schwierig der Alltag für Betroffene wirklich ist, versteht man erst, wenn man sich selbst ein Bild vor Ort macht.

Während in Europa höchstens jede hundertste Person Epilepsie hat, sind die Zahlen in ärmeren Regionen deutlich höher. Gründe dafür sind beispielsweise schlechtere Präventionsmaßnahmen, mehr Geburtskomplikationen und eine höhere Rate an Infektionskrankheiten. Dazu kommen Mythen, die in vielen Regionen – auch im Norden Namibias, wie ich in Gesprächen mit den Menschen vor Ort erfahren durfte – tief in der lokalen Kultur verankert sind: Vorstellungen von Epilepsie als Fluch, als Zeichen von Besessenheit oder als Strafe. Nicht selten suchen Familien zuerst traditionelle Heiler auf – oft aus Angst vor Stigmatisierung und weil medizinische Versorgung schwer erreichbar oder schlicht nicht vorhanden ist.

1 1

Die wenigen verfügbaren anfallsunterdrückenden Medikamente sind regelmäßig „out of stock“. Am Anfang dachte ich mir: Wie soll man unter diesen Bedingungen Menschen mit Epilepsie behandeln? Doch schnell hat mich der Mudiro-Spirit gepackt – dieser Wille, das Beste aus dem zu machen, was da ist. Und plötzlich war vieles möglich.

Sowohl die Zeit in Andara, wo wir eng mit den Ärztinnen und Ärzten vor Ort zusammengearbeitet haben, als auch die Tage im Busch haben mich nachhaltig geprägt. Besonders intensiv und bewegend war für mich ein Tag in einer von Pflegepersonen geführten kleinen Clinic: Diese hatten alle Epilepsiepatienten aus der Umgebung zusammengetrommelt. Viele nahmen ihre Medikamente deutlich unterdosiert und hatten regelmäßige Anfälle – die Unberechenbarkeit der Krankheit birgt gerade hier besondere Gefahren: offenes Feuer, Flüsse und wilde Tiere, lange Wege ohne Begleitung. Durch eine sorgfältige Anamnese – die ohne die enge Zusammenarbeit mit den lokalen Pflegepersonen gar nicht möglich gewesen wäre – und eine gezielte Untersuchung konnten wir die Medikamente besser an die jeweilige Art der Epilepsie anpassen. Ein Schritt, der hoffentlich langfristig zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität dieser Menschen beiträgt.

Ein weiteres Erlebnis, das mich sehr berührt hat, war die Versorgung eines hochkomplexen neuropädiatrischen Kindes. Gemeinsam im Team und mit viel Kreativität konnten wir passende Hilfsmittel organisieren und individuelle Lösungen finden, um dem Kind und seiner Familie den Alltag nachhaltig zu erleichtern. Diese Zusammenarbeit war für mich ein besonders starkes Beispiel dafür, wie viel möglich wird, wenn alle gemeinsam anpacken.    

Ein Moment ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: ein Patient mit klinisch fokalen Anfällen. Beim genaueren Hinschauen fielen Angiofibrome im Gesicht auf – und so ließ sich klinisch die Diagnose einer Tuberösen Sklerose stellen. In Europa hätten wir zuerst ein EEG gemacht, ein MRT organisiert, genetische Diagnostik veranlasst, zudem ein Derma- und ein Augenkonsil.

Zu sehen, wie ein Raum entsteht, der den Kleinsten einen besseren Start ins Leben ermöglicht, hat mich sehr berührt.

2 1

Oft braucht es gar nicht viel: ein bisschen Zeit, genaues Zuhören, gezielte Untersuchungen und ein gutes Bauchgefühl. Ich denke da auch an einen Mann, der über starken Schwindel und ein starkes Verlangen nach Salz geklagt hat. Schon nach einem kurzen Gespräch – ganz ohne Labor und weiterer Diagnostik – war klar: am wahrscheinlichsten ist eine Hyponatriämie als Nebenwirkung seines Medikaments. Eine kleine Anpassung und ein paar gezielte Erklärungen helfen ihm zukünftig hoffentlich den Schwindel wieder in den Griff zu bekommen. 

Neben all den medizinischen Eindrücken hat mich auch die Natur tief berührt. Das enge Zusammenleben mit ihr – der weite Sternenhimmel, die nächtliche Ruhe, die Geräusche rundherum – atemberaubend, entschleunigend und richtig wohltuend. Geholfen hat dabei auch, dass sich mein Handy plötzlich nicht mehr entsperren ließ – und ich dadurch ganz automatisch offline war. Eine unerwartete, aber unglaublich wohltuende Pause vom Alltag, die ich jedem nur empfehlen kann. (Wie so oft war Barbara aber auch hier sofort mit einer vorübergehenden Lösung zur Stelle). 

3 1

Die Zeit bei Mudiro hat mir gezeigt, dass oft schon kleine Schritte viel bewirken können – vor allem, wenn man sie gemeinsam setzt. Wenn man zuhört, hinschaut und füreinander da ist. 

Und genau das nehme ich mit: viel Hoffnung, tiefe Dankbarkeit und die Gewissheit, dass das Team von Mudiro jeden Tag Großartiges leistet. Ein großes Danke geht vor allem an Barbara – für ihre Wärme, ihre unerschütterliche Energie und dafür, dass sie einen Ort geschaffen hat, wo man sich nicht nur einbringt, sondern wirklich miteinander wächst.

— Dr. Katharina Moser, Kinderärztin