Erfahrungsbericht Jennifer Glatz

Erfahrunsbericht von Jennifer Glatz

Feuer im Kavango – Was Mudiro und die Kinder in mir bewegt haben

Erfahrungsbericht von Jennifer Glatz – Lehrerin

Als ich Mitte Oktober in Andara – irgendwo im tiefen Kavango East – ankam, wusste ich nicht genau, was mich erwarten würde. Ich hatte lediglich die Motivation dabei, mich einzubringen, zu unterstützen und mit meinem pädagogischen Hintergrund dort anzupacken, wo es Sinn machte.

Die folgenden sieben Wochen waren intensiv, herausfordernd und prägend – und sie haben mein Verständnis von Bildung, Gesundheit und Lebensrealitäten im ländlichen Namibia nachhaltig verändert.

Das Leben im Kavango ist geprägt von starken Kontrasten: einer faszinierenden, wunderschönen Natur auf der einen Seite und einer spürbaren, unübersehbaren Armut auf der anderen. Viele Familien leben in einfachen Lehm- und Blechhütten, ohne Strom, ohne Wasser – quasi ohne alles.
Ich war in diesen Hütten, habe mit eigenen Augen gesehen, wie wenig die Menschen besitzen. Oft tragen sie buchstäblich alles, was sie haben, am Körper – und das ist meist verschmutzt, kaputt, sonnenverbleicht.

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Die Hitze, die Abfallberge, die Perspektivlosigkeit: Wenn man nicht aufpasst, frisst es einen innerlich auf. Und trotzdem haben mir diese Menschen unglaublich viel zurückgegeben. Ich habe Wärme, Herzlichkeit und echte Dankbarkeit erlebt.

Mein Alltag spielte sich grösstenteils an der Andara Secondary School ab, wo ich schnell und mit offenen Armen ins Team aufgenommen wurde. Die Lehrpersonen arbeiten unter schwierigen Bedingungen: zu wenig Material, kaputte Möbel, überfüllte Klassen, chaotische Strukturen – und dennoch geben viele tagtäglich ihr Bestes.

Ich versuchte, mich dort einzubringen, wo es möglich war: im Unterricht, in der Planung oder einfach als Unterstützung im Schulalltag. Nichts davon war perfekt, vieles improvisiert – aber die Wertschätzung dafür war enorm und hat mir gezeigt, dass selbst kleine Beiträge etwas auslösen können.

Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie sehr mich der Schweizer Schulalltag manchmal einengt. Dieses Gefühl, nie genug zu sein, nie genug zu leisten. Und dann steht man hier – mit viel weniger, als man es sich vorstellen kann – und erlebt Dankbarkeit für Dinge, die bei uns selbstverständlich wären. Das hat mich nachdenklich gemacht.

Ein persönliches Highlight war der Bau eines neuen, durch Mudiro finanzierten Kindergartens. Für mich als Lehrperson war es eine grosse Bereicherung, die Gestaltung des Gebäudes zu planen und in meiner letzten Woche gemeinsam mit den Kindern umzusetzen. Chaotisch, wild, laut, bunt – aber wunderschön.
Zu sehen, wie ein Raum entsteht, der den Kleinsten einen besseren Start ins Leben ermöglicht, hat mich sehr berührt.

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Und dann war da meine eigene Spendenaktion Ciao Kakao for Change. Was als kleine Idee begann – ein Wunsch, wenigstens im Kleinen etwas bewirken zu können – entwickelte sich zu etwas viel Grösserem.
Dank der vielen grosszügigen Spenden konnten wir Hygieneartikel und Schulmaterial kaufen, darunter auch Binden für Mädchen, was für sie im Alltag einen entscheidenden Unterschied macht. Vier Kinder haben zudem neue Pateneltern erhalten.

Und für mich das Unglaublichste: Es kam genug Geld zusammen, um nächstes Jahr einen weiteren Kindergarten zu bauen. Ein Projekt, das weit über meine eigene Zeit hier hinaus Wirkung haben wird. Ich bin unendlich dankbar für jede einzelne Unterstützung – dass aus einer spontanen Aktion so etwas entstehen kann, lässt mich auch jetzt noch sprachlos zurück.

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Ein weiteres prägendes Erlebnis war meine Zeit mit der Mobile Clinic. Insgesamt vier Tage lang waren wir mit einem Team aus Ärztinnen und Ärzten und Gesundheitspersonal unterwegs in abgelegenen Dörfern. Wir sahen unterernährte Kinder, Infektionen, unbehandelte Krankheiten – Krankheitsbilder, die man in der Schweiz kaum mehr kennt.
Die Mobile Clinic ist für viele die einzige medizinische Versorgung, die sie überhaupt erhalten. Auch hier wurde mir klar, wie eng Bildung und Gesundheit miteinander verbunden sind:
Wer lesen kann, versteht Medikationsanweisungen.
Wer aufgeklärt ist, schützt sich selbst.
Wer zur Schule geht, hat eine Zukunftsperspektive.
Diese Erkenntnis hat mich nachhaltig begleitet.

Natürlich gab es auch Herausforderungen. Unterschiedliche Aufgabenbereiche, Personalwechsel und verschiedene Prioritäten führten gelegentlich zu Reibungen. Besonders der Stellenwert von Bildung und die Frage, wo Hilfe am sinnvollsten ist, führten zu Diskussionen. Ich habe gelernt, dass NGOs – wie jede Organisation – von Menschen geprägt sind und ihren eigenen Fokus haben.

All diese Erlebnisse – die schönen wie die schwierigen – haben mich persönlich wachsen lassen.
Ich habe gelernt, dass Hilfe nur dann nachhaltig ist, wenn sie gemeinsam mit den Menschen vor Ort gedacht und umgesetzt wird. Dass kleine Gesten grosse Bedeutung haben können. Und dass Bildung der Schlüssel zu allem ist: zu Gesundheit, zu Selbstbestimmung, zu einem Leben jenseits der Armut.

„Mudiro“ bedeutet auf Thimbukushu „Feuer“. Und mein Feuer brennt ganz eindeutig für die Kinder – und für Bildung. Ich bin dankbar, dass ich im Namen von Mudiro ein kleines Stück beitragen durfte. Und ein grosses Stück zurückbekommen habe.

— Jennifer Glatz, Volunteer