Erfahrungsbericht Ursina Begré
Erfahrungsbericht Dr. med. Ursina Begré
Dr. Ursina erstmals in Afrika
Rasches Umsteigen in Addis Abeba als Tor zu Afrika. Am internationalen Flughafen von Windhoek bin ich pünktlich gelandet, mein Gepäck jedoch gar nicht. Nach langem Diskutieren und Ausfüllen von Onlineformularen macht sich die Fluggesellschaft auf die Suche danach. Zum Glück habe ich bei der Hitze noch kurze Hosen und ein zweites T-Shirt im Handgepäck. Ich übernachte eine Nacht am Stadtrand von Windhoek, um dann wieder frisch die zweite Etappe der Reise nach Andara in Angriff zu nehmen. Nach dem angenehmen Inlandflug nach Katima Mulilo, im äussersten Zipfel Namibias, werde ich von Herman erwartet. Wir fahren mit kurzen Zwischenstopps in einigen Geschäften fliegend Richtung Westen, wo wir in Andara im Mudiro-Camp sehr herzlich von Barbara, meinem Kollegen Chrigu, zwei Hunden, drei Gänsen und vier Enten begrüsst werden. Da ich an einem Freitag ankomme, geht es am nächsten Tag erstmals in eine friedliche Lodge zum Akklimatisieren.

Die ersten Tage erlebe ich als unfassbar frustrierend. Trotz vorhandenem Know-How sind einem bei vielen Punkten der Patientenbetreuung die Hände gebunden. Die Verzögerung des Labors erschwert aus Schweizer Perspektive die Diagnosestellung ungemein. Ein CRP und ein Differenzialblutbild wäre verfügbar, aber es macht so keinen Sinn, es im Akutfall abzunehmen. Bei einigen Patienten würde ich mir eine Verlegung ins nächstgrössere Spital in Rundu wünschen, wo einzelne Spezialisten und eine intensivmedizinische Versorgung vorhanden sind. Nur zweimal die Woche gibt es einen überbuchten offiziellen Patiententransport dahin, obwohl der Transport an sich kurz und günstig wäre. Eine potenzielle Verlegung wird zuerst mit den Behandelnden in Rundu besprochen, was jedoch wegen der Transportkapazität und fraglich langsamen Kommunikation zwischen Fachpersonen dazu führt, dass jemand erst nach 1-2 Wochen verlegt wird. Die Ambulanz ist unterwegs Garage pflichtig geworden, sodass während mindestens einer Woche nur nach Rücksprache mit dem regionalen Militärkrankenhaus deren Ambulanzfahrzeug bei absoluten Notfällen ausgeliehen werden kann. Dass Geld an allen Ecken und Enden fehlt, hatte ich erwartet. Leider scheint es jedoch vor allem falsch verteilt zu sein und Strukturen, um die Patientenversorgung standardisiert ablaufen zu lassen, fehlen.
Mit dem von Mudiro zur Verfügung gestellten Ultraschall können wir die in der körperlichen Untersuchung festgestellten Befunde niederschwellig genauer anschauen. Wir stellen im Verlauf meiner Zeit in Andara bei drei Patientinnen, darunter ein 6-jähriges Kind, unklare Gewebemassen im Unterbauch fest. Ich fühle Ohnmacht in den Momenten, in denen in der Schweiz sofort Bildgebung, Rücksprache mit Spezialisten, Biopsie, Operation etc. und die Zusammenstellung eines interdisziplinären Teams, welches sich dem Fall annehmen würde, veranlasst würden. Hier scheitert die weiterführende Diagnostik an fehlendem Transport und CT, um das sich keiner kümmert, den grossen Distanzen im Land sowie der Unklarheit betreffend Therapiemöglichkeiten. In Windhoek scheint es einiges zu geben, aber das genaue medizinische Angebot scheint niemand regelmässig zu erfragen, geschweige denn zu kennen. Zudem lebt in diesem Beispiel das 6-jährige Mädchen vier Stunden zu Fuss vom ersten Gesundheitsposten entfernt, die Familie verfügt über keine Mobiltelefonie, über die sie zum weiteren Vorgehen zeitnah informiert werden könnten. Das Mädchen wird von der Grossmutter zu uns gebracht, die Mutter ist abwesend, die Familie spricht kein Englisch. Wir haben den Verdacht auf ein Nephroblastom, ein bösartiger Nierentumor. Im Falle einer erfolgreichen Verlegung in ein tertiäres Spital frage ich mich, wer die Patientin schliesslich ausreichend finanziell und fürsorglich unterstützen und sie auf einem langen Weg begleiten könnte, sollte von Fachpersonen entschieden werden, dass man vollumfänglich Diagnostik und Therapie vornimmt. Was ist würdevolles Kranksein, Leiden und Sterben? Ich bin sehr dankbar, um die Anliegen und Möglichkeiten der Palliativmedizin in der Schweiz sowie die Debatte darüber. Wie integrieren die namibischen Patientinnen und Patienten ihr Leiden im Lebenslauf, wie erleben die Angehörigen Verluste? Aufgrund der Sprachbarriere bleiben diese Fragen für mich offen.

Ein Erlebnis während der Zeit bei Barbara und Herman waren definitiv die Tage im «Busch». Mit der modernen Mobile Clinic fahren wir zweimal nach Kandjara, ein Dorf, welches nur über 20km Sandpiste vom Highway aus erreichbar ist. Dort ist Chrispin für den Gesundheitsposten zuständig, ein sorgfältiger und engagierter Pflegefachmann und male midwife (Hebamme). Eine sehr umfassende Campingausrüstung inklusive Dusche wird in Windeseile aufgestellt und ich darf im eigenen Zelt unter dem umwerfenden Sternenhimmel schlafen.
Beim ersten Einsatz im «Busch» gemeinsam mit dem Gynäkologen Chrigu verbringe ich die Tage in der Sprechstunde von Chrispin mit dem Ziel, mit ihm Fälle durchzusprechen und Vorschläge zu machen. Ich freue mich, dass Chrispin bei der Anamneseerhebung aufmerksam zuhört und scheinbar mitnehmen kann, was man den Patientinnen und Patienten alles für Fragen stellen könnte, um bei der Differentialdiagnostik weiterzukommen. Es ist spannend zu sehen, wie er und sein Assistent Edward auf kleinstem Raum strukturiert Malaria-, TB- und HIV-Patienten behandeln. Die Fälle werden aufwendig in Papierregister eingetragen. Die Apotheke ist erstaunlich gross. Ich finde sogar die Wirkstoffe für die PreP, welche an HIV-Status diskordante Paare abgegeben werden. Chrispin erzählt, er würde die meisten Medikamente jedoch gar nicht einsetzen. Teils weiss er nicht so recht, welche Indikationen wann gelten, teils wird von ihm in der Sprechstunde vorwiegend erwartet, dass er einfach Schmerzmittel (glücklicherweise «nur» Paracetamol und Ibuprofen) abgibt. Auf der anderen Seite sind viele Medikamente out of stock. Von den Bestellungen im Spital Nyangana erhält er oft nur die Hälfte der gewünschten Packungen. Lieferschwierigkeiten gibt es auch in Namibia, womöglich aber aus anderen Gründen als in Europa. Speziell, doch aus meiner Sicht teils auch sinnvoll aufgrund fehlender Möglichkeiten für Monitoring und Follow-up vor Ort, ist das System der «Nemlist». Es ist staatlich klar vorgegeben, welche Medikamente in welcher Gesundheitsinstitution (kleiner Posten, Klinik, Spital, grosse Kliniken) überhaupt abgegeben werden dürfen. So bleibt jedoch die Therapieauswahl bei komplexen Patientinnen, welche nicht in die nächstgrössere Klinik gehen, beschränkt.
In den abgelegenen Regionen war ich oft auf Übersetzungen angewiesen, da kaum jemand Englisch spricht. Beeindruckend war jedoch die große Solidarät unter den Patienten: Die Jüngeren halfen den Älteren beim Verständnis und der Kommunikation. Die Freude der zahlreich erschienenen Menschen über eine passende Lesebrille war riesig. Plötzlich konnten sie wieder Texte lesen, was nicht nur alltägliche Arbeiten erleichtert, sondern auch die Lebensqualität insgesamt verbessert.
Beim zweiten Einsatz in Kandjara führe ich wie am Laufband gynäkologische Untersuchungen für das Zervixkarzinom Screening durch. Die Frauen bringen mir viel Vertrauen entgegen. Der Zugang scheint fast einfacher als in der internistischen Sprechstunde. Dank Auffrischen meiner Skills im Spital in Andara kann ich eine Schwangere mit dem Ultraschall untersuchen und abschätzen, wann die Geburt zu erwarten ist. Dank der Wiederkehr ins Dorf nach zwei Wochen kann ich tatsächlich die Laborresultate, welche Chrispin während dem ersten Einsatz eingeschickt hat, ansehen und interpretieren. Ausserdem sehe ich einige Patienten wieder und sehe, dass ein gewisses Follow-up manchmal doch funktionieren kann. Dies auch dank der Buschtrommel 😊und der Tatsache, dass Chrispin sich all die Menschen mit Namen merkt.

Neben der Arbeit als freiwillige Ärztin verbringe ich die Zeit am Pool und bei gutem Essen auf einer Lodge am Kavango Fluss oder im Mudiro-Camp. Dort schlafe ich in einem umgebauten Schiffscontainer und wehre mich mit allem Möglichen gegen Insektenstiche. Dabei werde ich toll von Herman bekocht und von Barbara umsorgt. Auf den Game Drives am Wochenende sehe ich zum ersten Mal Giraffen, Warzenschweine mit feinen Antennenartigen Schwänzen, womit sie sich in der Reihe hintereinander rennend im hohen Gras sichtbar machen, Baby-Impalas, massige Nilpferde, grosse Pavianfamilien, stolze Kudus und Löwen, welche im Team auf die Jagd gehen.
In Erinnerung behalte ich die Tiergeräusche und Weite in dem spärlich besiedelten Land. Und im Besonderen die breit lachenden freundlichen Menschen, welche uns mit «Moro» grüssen, das Singen der Jugendlichen im Schulchor, und all die Frauen, welche schon in jungen Jahren mehrere Kinder nacheinander auf die Welt bringen, mit ihren kreativen und vielfältig gestalteten Frisuren.
— Dr. med. Ursina Begré